Jugend braucht Zukunft,
Ver.di braucht Feingefühl


TEXT: BJÖRN BRÜCKERHOFF
BILDER:
VEREINIGTE DIENSTLEISTUNGSGEWERKSCHAFT


Grund zum Selbstmord haben Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz bekommen. Dieser Meinung ist offenbar die Jugendabteilung der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Ein Werbeclip der Verdi-Jugend, der seit dem 22. Oktober im Abend- und Nachtprogramm auf dem Musiksender Viva läuft, soll für umlagefinanzierte Ausbildungsplätze werben – mit Selbstmordszenen von Teenagern.

Im
Werbespot der Gewerkschaft steckt sich ein Junge einen Revolver in den Mund, ein anderer vergiftet sich mit Autoabgasen. Ein Mädchen erhängt sich, ein anderes schneidet sich die Pulsadern auf. Zu allen Bildern läuft aggressive Punkmetal-Musik: „Stand up and fight“. Am Ende des Spots der kühle Nachrichtentext: „Nach offiziellen Angaben fehlen zurzeit in Deutschland 150.000 Ausbildungsplätze.“ Dann die Slogans der Kampagne: „Jugend braucht Zukunft. Jugend braucht Ausbildungsplätze“.

AUSGABE 34
SCHWERPUNKT MEDIENMORAL




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EDITORIAL VON BJÖRN BRÜCKERHOFF
GEGEN DEN TAKT DER MEDIEN
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VERDI BRAUCHT FEINGEFÜHL

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Starke Reaktionen

Torsten Tenbieg, Verdi-Bundesjugendsekretär, sieht die Angelegenheit eher entspannt. „Wir wollten mit dem Clip starke Reaktionen hervorrufen“, sagte er gegenüber Spiegel Online. „Krasse Situationen erfordern krasse Maßnahmen“.

VERDI-VIDEO: STARKE REAKTIONEN

Die Ausbildungssituation sei katastrophal. Man müsse um Ausbildungsplätze kämpfen. Den Kampf um Aufmerksamkeit für Verdi hat Tenbieg mit seinem Spot immerhin schon gewonnen. Dass Jugendliche den Spot als Bestätigung ihrer Befürchtungen sehen könnten und tatsächlich zum Strick greifen, daran denkt Torsten Tenbieg leider nicht.

In einer Verdi-Presserklärung zum „Horror-Video“ (Bild): „Wer den Film als zu drastisch empfindet oder ihn gar als Aufforderung zum Selbstmord betrachtet, möge bedenken: Es ist der Mangel an Zukunft und Perspektive, der Jugendliche manchmal verzweifeln lässt - nicht ein Film, der diesen Mangel anprangert und dazu aufruft, ihn überwinden zu helfen.“ Auch Verdi-Vize Frank Werneke hält das Video für ungefährlich: „Wenn dies ein Tabu war, musste es gebrochen werden“, sagte er gegenüber der Bild-Zeitung. Unklar bleibt, was Herr Werneke damit meint. Bei den dargestellten Szenen handelt es sich schließlich nicht um einen Tabubruch, sondern um eine Unverantwortlichkeit gegenüber psychisch labilen Jugendlichen, deren Suizidrisiko bekannt ist.

Ziele unklar

Die Botschaft des Videos ist eine andere, als sich die Macher ausgedacht haben. Das Hintergrundgedröhne „Stand up and fight“, eigentlich dafür vorgesehen, Eigen-initiative von den Jugendlichen zu fordern und klar zu machen, dass Selbstmord keine Lösung ist, geht angesichts der harten Bilder vollkommen unter. Aber die Ziele des Videos sind selbst innerhalb der Gewerkschaft unklar.

VERDI-VIZE WERNEKE:
"KEINE EFFEKTHASCHEREI"

Tenbieg und Werneke scheinen sich nicht über die Zielsetzung des Gewaltvideos einig zu sein. Während Tenbieg betonte, es ginge darum, die Aufmerksamkeit auf eine Verdi-Kampagne zu lenken, sagte Verdi-Vize Werneke gegenüber der Bild-Zeitung: „Uns geht es nicht um Effekthascherei, sondern darum, die Diskussion um die Lage am Ausbildungsmarkt voran zu bringen.“ Das im Zusammenhang nicht ganz unwichtige Wort „Umlagefinanzierung“ taucht im gesamten Clip nicht auf.

Zielgruppe Unternehmer

Zielgruppe der Initiative dürften vor allem Unternehmer und Manager sein. Warum der Spot dann auf Musiksendern läuft, ist unklar. Verdi hält mit dem Spot vielmehr der Zielgruppe der 14- bis 29jährigen einen Zerrspiegel vor. Und natürlich wird jetzt nur noch über das Video und seine zweifelhafte Wirkung, aber nicht mehr über den Ausbildungsmarkt gesprochen. Der Verdi-Bundeskongress hat den Spot durchgewunken. „Heftig, aber okay“ sei das überwiegende Statement der Delegierten zum Selbstmordclip.

Selbstmord keine Lösung

„Logischerweise überzogen“ seien die Selbstmordszenen, gibt Tenbieg zu, das sei aber kein Problem. Schließlich sei der Musiktext Warnung genug: „Stand up and fight“. Selbstmord sei keine Lösung für Probleme. Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm

VERDI: SELBSTMORD NACH ABSAGE

(CDU) sagte gegenüber der Bild-Zeitung: „Mit diesem Spot hat sich Verdi endgültig als seriöser Verhandlungsführer verabschiedet.“ Auch Berlins Bildungssenator Klaus Böger (SPD) verurteilt den Spot:Die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist dramatisch. Aber man sollte auf dem Teppich bleiben und nicht solche Mittel wählen.“

Allein in Berlin tötet sich alle neun Tage ein Jugendlicher. Die Zahl der Selbstmordversuche liegt deutlich höher. Liebeskummer, das Gefühl des Alleingelassenwerdens oder gar schlechte Noten sind die häufigsten Gründe. Verdi schießt den Vogel treffsicher ab.

ZUM THEMA

Das Verdi-Video (Windows Media Player)
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